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[Rezension] Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky

Freitag, 22. April 2022

Baba Dunjas letzte Liebe von A. Bronsky - Rezension auf www.nanawhatelse.at


Seine innere Uhr ist durcheinander, schon immer gewesen,
aber ich glaube nicht, dass es mit der Strahlung zu tun hat.
Man kann sie nicht für alles, was blöd zur Welt kommt,
verantwortlich machen.
Aus: Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky, Seite 5

Das verrät der Klappentext: Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Wo der Rest der Welt nach dem Reaktorunglück die strahlenden Waldfrüchte fürchtet, baut sie sich mit Gleichgesinnten ein neues Leben auf. Mitten im Niemandsland, wo die Vögel so laut rufen wie nirgends sonst. Während der sterbenskranke Petrow in der Hängematte Liebesgedichte liest und die Melkerin Marja mit dem fast hundertjährigen Sidorow anbandelt, schreibt Baba Dunja Briefe nach Deutschland, an ihre Tochter. Doch dann kommen Fremde ins Dorf – und die Gemeinschaft steht erneut vor der Auflösung.

Voller Kraft und Poesie, voller Herz und Witz lässt Alina Bronsky eine untergegangene Welt wieder auferstehen. Sie erzählt die Geschichte eines Dorfes, das es nicht mehr geben soll – und einer außergewöhnlichen Frau, die im hohen Alter ihr selbstbestimmtes Paradies findet. Textrechte: KiWi


Ich habe alles gesehen und vor nichts mehr Angst.
Der Tod kann kommen, aber bitte höflich.
Aus: Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky, Seite 12

Mein persönlicher Leseeindruck: Der kleine Roman Baba Dunjas letzte Liebe der russisch-deutschen Schriftstellerin Alina Bronsky erzählt auf humorig-morbide Weise eine anrührende Geschichte über die Heimat in uns und in der Welt.

Die alte Baba Dunja kehrt mit sich und dem Alleinsein im Reinen in die Todeszone ihres Heimatdorfes Tschernowo zurück. In der verstrahlten Einöde sucht die alte Frau Frieden und Ruhe, findet jedoch unerwartet eine verschroben herzliche Gemeinschaft von Aussteigern.


Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde,
käme ich nicht einmal mehr zum Zähneputzen.
Aus: Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky, Seite 62


Baba Dunjas letzte Liebe von A. Bronsky - Rezension auf www.nanawhatelse.at


In Tschernowo, wo einem Katzen ohne Augen um die Beine schleichen und die Essiggurken die Geigerzähler tanzen lassen, kämpft jeder und jede mit anderen Dämonen, sind alle gleichermaßen auf der Flucht wie auf der Suche.

Baba Dunja, die charmant-schroffe Ich-Erzählerin des Romans, lässt einen Tschernowo, die Karg- und Schönheit dieses Niemandslandes, sein Eingewecktsein in Erinnerungen, sein stilles Tauziehen zwischen Siechen und Gesunden durch ihre wachen Augen sehen.


Er ist ein Mann, der Bücher braucht wie ein Alkoholiker den Schnaps.
Wenn er nicht genug zu lesen hat, wird er unausstehlich.
Aus: Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky, Seite 98

Mit ihrem trockenen Humor und ihrer gnadenlosen Ehrlichkeit, ihrem rührend klaren Blick für das Wesentliche und ihrem unerschrockenen Wesen wächst Baba Dunja einem bereits nach wenigen Seiten ans Herz.

Die ausgefallene Charakterzeichnung des recht überschaubaren Figurenensembles, das Ineinandergreifen von Tiefsinn und Situationskomik, und nicht zuletzt die schnörkellos schöne, aber treffsichere Sprache machen Baba Dunjas letzte Liebe zu einem unerwartet facettenreichen Lesegenuss.


Ihre frühere Schönheit ist nicht ganz gewichen, sie ist noch in diesem Raum,
wie ein Gespenst. Wie viel einfacher habe ich es mein ganzes Leben lang gehabt: 
Nie schön gewesen zu sein bedeutet, keine Angst gehabt zu haben, 
die Schönheit zu verlieren.
Aus: Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky, Seite 27


Fazit: Alina Bronskys Roman besticht vor allem durch seine raffinierte sprachliche Einfachheit und eine Protagonistin, die man schlicht lieb haben muss. Baba Dunjas letzte Liebe ist kurzweilig, herzlich, ulkig, aber niemals seicht. Um es mit den Worten von Kaiser Franz Joseph zu sagen: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut.“


Baba Dunjas letzte Liebe von A. Bronsky - Rezension auf www.nanawhatelse.at


Baba Dunjas letzte Liebe von Alina Bronsky
Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen, 160 Seiten
Kiepenheuer & Witsch | ISBN: 978-3-462-04802-5