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[Rezension] Terror: Ein Theaterstück und eine Rede von Ferdinand von Schirach

Montag, 26. Februar 2018

Terror - Ferdinand von Schirach Rezension www.nanawhatelse.at


Ich weiß, jeder einzelne von Ihnen glaubt, 
dass er sich auf seine Moral, auf sein Gewissen verlassen kann.
Aber das ist ein Irrtum.
Aus: Terror von Ferdinand von Schirach, Seite 116. Textrechte: btb

Klappentext: Ein Terrorist kapert eine Maschine der Lufthansa und zwingt die Piloten, Kurs auf die voll besetzte Allianz-Arena in München zu nehmen. Gegen den Befehl seiner Vorgesetzten schießt ein Kampfpilot der Luftwaffe das Flugzeug ab, alle Passagiere sterben. Der Mann muss sich vor Gericht für sein Handeln verantworten. Seine Richter sind die Zuschauer und Leser, sie müssen über Schuld und Unschuld urteilen.

Ein Theaterstück von bedrückender Aktualität. Es stellt die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen. Werden wir uns für die Freiheit oder die Sicherheit entscheiden? Wollen wir, dass die Würde des Menschen trotz der Terrorgefahr noch gilt?

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015 hat auf schrecklichste Weise gezeigt, wie hoch der Preis sein kann, den wir für unsere Freiheit zahlen müssen. Schirachs Rede auf Charlie Hebdo, die ebenfalls in diesem Band enthalten ist, ist ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes, für unsere Zivilisation im Angesicht ihrer Feinde. Textrechte: btb


Rezension: Ferdinand von Schirach widmet sich in seinem Theaterstück – das mittlerweile auch verfilmt wurde – einem hochbrisanten Thema: Dem Balanceakt zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen moralischem Empfinden und gesetztem Recht, welcher angesichts der Bedrohung durch den Terrorismus zu einer Gratwanderung zwischen Sein und Schein wird. 

Wie schnell sind wir bereit, Leben gegen Leben aufzuwiegen, rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen, unser persönliches, moralisches Empfinden über das Gesetz zu stellen?


„Aber wie soll der Wert von Leben verglichen werden?“
Aus: Terror von Ferdinand von Schirach, Seite 138. Textrechte: btb

Das Setting einer klassischen Gerichtsverhandlung stellt den Handlungsraum mitsamt der für ihn essentiellen Figuren dar: Richter, Anwälte, Verteidiger, ZeugInnen – als LeserIn übernimmt man selbst die verantwortungsschwere Rolle eines Schöffen.

Der Fall des Kampfpiloten Koch ist ein einziges moralisches Dilemma. Darf man das Leben weniger opfern, um das vieler zu retten? Das ist die zentrale Frage, die in der Verhandlung diskutiert wird und deren Beantwortung schlussendlich zu einem Schuldspruch oder einer Freilassung führen wird. Beide Positionen werden mit vielen theoretischen Gedankenspielen aber auch internationalen Präzedenzfällen von Seiten der Anklage und der Verteidigung untermauert, während Zeugenberichte von Hinterbliebenen der Opfer den ansonsten sehr sachlichen Ausführungen eine etwas tragische, emotionale Dimension hinzufügen.

Als Schöffe hält man das Schicksal des Angeklagten in Händen. Es obliegt dem Leser, zu entscheiden, ob der Kampfpilot und Familienvater Koch wegen Mordes verurteilt oder als freier Mann den Gerichtssaal verlassen wird. Für beide Fälle wurde ein entsprechendes Ende geschrieben: eines betitelt mit „VERURTEILUNG“, das andere mit „FREISPRUCH“.

Der Text regt dazu an, persönliche Moralvorstellungen und das eigene Demokratieverständnis zu hinterfragen und wartet zudem mit äußerst interessanten Hintergrundinformationen aus Rechtsgeschichte und Philosophie auf. Kennt man bereits andere Bücher oder Essays des Autors wird man immer wieder über Formulierungen und Absätze stolpern, die man beinahe im gleichen Wortlaut an anderer Stelle schon gelesen hat.


Zusammenfassend wollen wir bemerken: Auch wenn es schwer zu ertragen ist,
müssen wir doch akzeptieren, dass unser Recht offenbar nicht in der Lage ist,
jedes moralische Problem widerspruchsfrei zu lösen.
Aus: Terror von Ferdinand von Schirach, Seite 144. Textrechte: btb

Persönliches Fazit: Terror von Ferdinand von Schirach ist eine Herausforderung, sich eigenen Wertvorstellungen zu stellen, ein düsteres Gedankenexperiment, das lange nachhallt, eine wertvolle Lektüre. Wer andere Texte des Autors kennt, wird jedoch vieles zum wiederholten Male lesen.

Terror - Ferdinand von Schirach Rezension www.nanawhatelse.at






Autor: Ferdinand von Schirach
Titel: Terror: Ein Theaterstück und eine Rede
Einband: Taschenbuch
Verlag: btb
Seitenanzahl: 176
ISBN: 978-3-442-71496-4


1 Kommentar:

Ella W. hat gesagt…

Hey Nana,

ein sehr interessantes Buch. Das Thema stelle ich mir in der Tat sehr schwierig vor, auch für einen selbst. Eine solche Entscheidung treffen zu müssen, wünscht man niemanden. Wie man selbst entscheiden würde, wird man wohl erst im Angesicht mit solch einer Situation erfahren. Vorher bleibt es für mich ein "düsteres Gedankenexperiment", wie du so schön sagst. Ein Glück, muss ich sagen.

Liebe Grüße
Ella <3

P. S. Kann man deinem Blog eigentlich per E-Mail folgen? Ich habe leider nichts gefunden dazu.