Was ist unser Leben mehr als die Menschen, die darin zu Hause sind?(Aus: Dunkle Momente von Elisa Hoven, Seite 254–255. Textrecht: FISCHER Taschenbuch)
Das verrät der Klappentext: „Jede Tat hat eine Geschichte.“ Eva Herbergen ist Strafverteidigerin mit ganzer Seele. Ihre Aufgabe ist es, Menschen vor Strafe zu bewahren: die berühmte Schriftstellerin, den gebrechlichen Millionär, die überforderte Stiefmutter. Sie weiß, es braucht nicht viel, dass aus einem Menschen ein Verbrecher wird, vielleicht sogar ein Mörder. Es genügt ein dunkler Moment, der die Wendung markiert – zum Opfer oder zum Täter. Auch Eva kämpft mit diesen Grenzen, die sie selbst schon überschritten hat, mit den blinden Flecken unserer moralischen Verurteilung. Mit jedem Fall, den Eva erzählt, in dem die Grenze zwischen Gerechtigkeit und Recht verschwimmt, lösen sich ihre Gewissheiten auf. Bis sie sich fragt, welche Konsequenzen sie ziehen muss.
Dunkle Momente ist ein packender Roman über die ethischen und moralischen Dilemmata jedes Einzelnen, darüber, dass Recht und Gerechtigkeit nicht immer das Gleiche sind. Mit unbestechlichem Blick stellt Elisa Hoven die Eindeutigkeit infrage und zeigt, dass ein Mensch immer mehr ist als seine Tat.
Persönlicher Leseeindruck: Aus Sicht der Strafverteidigerin Eva Herbergen werden neun Fälle geschildert, die diese anwaltlich begleitet und die zum Prüfstein ihres Verständnisses von Recht und Unrecht werden. Mord, Entführung, Vergewaltigung, Kannibalismus, Veruntreuung, Vertuschung – die Bandbreite dessen, was der Mensch an Grausamkeiten anstellen kann, wird in den geschilderten Fällen voll ausgeschöpft. Doch egal, wie bestialisch die Verbrechen sind, die ihren Klient:innen vorgeworfen werden, sie alle verdienen die bestmögliche Verteidigung – nach diesem Credo lebt und handelt Eva Herbergen. Dabei erkennt sie zu spät, dass sie selbst in dem Bemühen für Gerechtigkeit zu sorgen, ethisch, moralisch und gesetzlich vertretbare Grenzen nicht bloß dehnt, sondern längst überschritten hat.
Obwohl die Protagonistin sich also nicht scheut, sich selbst die Hände schmutzig zu machen und ich Antihelden, Outlaws und verschmitzten Rächern in der Literatur durchaus was abgewinnen kann, versagt Eva aus meiner Sicht als Sympathieträgerin auf voller Linie. Denn sie ist kein rebellischer Robin Hood, kein Teilzeit-Superheld à la Clark Kent: Im Endeffekt hat man das Gefühl, sie biegt Argumente und Handlungen für sich und andere zurecht, um sich selbst bei all dem Dreck, den sie am Stecken hat, doch noch irgendwie als moralische Instanz inszenieren zu können.
Der Schreibstil ist schlicht und unaufregend sachlich – passend für die juristischen Gefilde, in denen wir uns bewegen. Die knackigen Kapitel, denen jeweils ein Fall gewidmet ist, verleihen dem Roman eine kurzweilige Dynamik. Die Fälle selbst sind allesamt harter Tobak, über den sich vortrefflich grübeln und diskutieren lässt. Dass viele der fiktiven (?) Fälle frappant an äußert prominente und viel diskutierte True-Crime-Fälle erinnern, ohne dass auf diese verwiesen würde, hinterlässt bei mir jedoch einen seltsamen Nachgeschmack.
So ist es mit der Wahrheit, wir brauchen sie, wir wollen sie kennen, selbst wenn sie uns nichts als Schmerz bereitet.(Aus: Dunkle Momente von Elisa Hoven, Seite 73. Textrecht: FISCHER Taschenbuch)
Fazit: Ein spannendes Sammelsurium menschlicher Abgründe und verhängnisvoller Sehnsüchte aus der Sicht einer Strafverteidigerin, das auf nachdrückliche, wenn auch streckenweise etwas plakative Weise vor Augen führt, dass jede Tat eine Geschichte hat und der vermeintlich moralische Kompass schon so manchen in die Irre geführt hat – Verbrecher wie Advokaten.
Dunkle Momente von Elisa Hoven
Taschenbuch, 352 Seiten | FISCHER Taschenbuch | ISBN: 978-3-596-71160-4
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