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[Rezension] Vorwiegend festkochend von Lara M. Gahlow

Dienstag, 28. April 2026

Rezension zu "Vorwiegend festkochend" von L. M. Gahlow auf www.nanawhatelse.at


„… aber eins habe ich gelernt: Entscheide sehr genau, was dich im Inneren berührt. Und behalte die Fassung, wenn mal etwas durchrutscht."
(Aus: Vorwiegend festkochend von Lara M. Gahlow, Seite 45. Textrecht: Ankerwechsel Verlag)

Das verrät der Klappentext: Minna ist 92 Jahre alt und weiß, was es heißt, allein zu sein. Doch seit geraumer Zeit kommen wechselnde Pfleger*innen in ihre überheizte Wohnung – und plötzlich steht da Moni. Erfahren, direkt und empathisch geht sie auf die alte Dame zu. Leicht ist das nicht.
Zwischen norddeutscher Sachlichkeit und einer geteilten Vorliebe für Puffreis entspinnt sich eine Geschichte über zwei Frauen, die auf den ersten Blick wenig verbindet. Eine preisgekrönte Erzählung – feinfühlig, humorvoll und ein bisschen traurig.
Sie zeigt: Es ist nie zu spät für Verbindung.

Persönlicher Leseeindruck: Vorwiegend festkochend erzählt eine zu Herzen gehende, wütend machende Geschichte, die mitten aus dem Leben gegriffen ist. Sie handelt vom Alt-Sein, vom Allein-Sein, vom Nicht-mehr-ernst-genommen-Werden. Von den prekären Verhältnissen in der Pflege, unter denen Pflegekräfte ebenso wie Pflegebedürftige leiden, weil das Mensch-Sein unter all dem Zeitdruck einfach zu kurz kommt. Von unverhofften Begegnungen, die uns heilen und wachsen und ein Stückchen mehr zu dem Menschen werden lassen, der wir eigentlich sind.


Wütende Worte flossen über die weiße Tischdecke wie verkippter Rotwein. „Du bist aufgebracht“, sagte die alte Frau dann, ganz ruhig, was Moni noch wütender machte. „Ihr jungen Leute nehmt alles immer so persönlich. Ich sehe das in den Talkshows. Die Jungen, sie lassen jedes Argument, jede noch so banale Aussage direkt an ihr Herz, ganz in die Mitte. Weißt du, wie es mir ergangen wäre, wenn ich das getan hätte?“ 
(Aus: Vorwiegend festkochend von Lara M. Gahlow, Seite 44. Textrecht: Ankerwechsel Verlag)

Mit Minna und Moni schafft die Autorin Lara M. Gahlow zwei starke Frauenfiguren mit Ecken und Kanten, viel Scharfsinn und großen Herzen. Nachdem beide an den jeweils anderen Enden des Pflegesystems ernüchternde Erfahrungen gemacht haben (denn Zeit ist knapp und Zeit ist Geld!), ist ihr Aufeinandertreffen der überraschende Startschuss einer wundervollen Verbindung auf Augenhöhe. Die 92-jährige Minna mag von außen zart und gebrechlich wirken, in ihr schlummert jedoch eine Löwin, die bereits so manchen Schicksalsschlag mit eisernem Willen und disziplinierter Gelassenheit gewuppt hat. Die Mitdreißigerin Moni hingegen ist die Personifikation der sprichwörtlichen harten Schale, unter der sich ein weicher Kern verbirgt. Mit großem Vergnügen liest man, wie die beiden Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, voneinander lernen und einander das Leben bereichern. Für einen kurzen, versöhnlichen Moment bekommt man Einblick in das Leben und Miteinander, wie es sein könnte, wenn wir ein bisschen weniger auf das Ich-Ich-Ich pochen und ein bisschen mehr Wir zulassen und der Menschlichkeit vor dem schnöden Mammon den Vorrang geben würden.

Die Erzählung ist und bleibt – trotz der humorvollen Passagen – aber weit entfernt von Feel-Good-Lektüre. Ganz im Gegenteil: Man ist gut damit beraten, während des Lesens stets ein Taschentuch in greifbarer Nähe liegen zu haben. Denn Geld und Gier regieren die Welt. Manchmal auch Familien. Und ganz sicher das aktuelle, ausgehöhlte Pflegesystem, das unterm Strich alle im Stich lässt. Was die Geschichte rund um Moni anekdotenhaft – aber stellvertretend für abertausende Schicksale – sehr eindrücklich schildert. Sprachlich schnörkellos, inhaltlich mit ordentlich Wumms!

So kurz die Erzählung auch ist: Sie liefert jede Menge Stoff für Grübeleien, Selbstreflexion und Diskussionen. Und für den ein oder anderen vielleicht auch die Initialzündung für Veränderung.

Einige Kartoffelrezepte am Ende des dünnen Büchleins runden das Leseerlebnis ab.

Fazit: Lara M. Gahlows Debüt macht betroffen. Die Erzählung hält unserer Gesellschaft, in der es keine Selbstverständlichkeit ist, in Würde altern zu können und zu dürfen, einen Spiegel vor. Ein schöner Text, aber vor allem: ein wichtiger Text!

Wissenswert: Vorwiegend festkochend wurde 2024 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet.


Vorwiegend festkochend von Lara M. Gahlow
Gebundene Ausgabe, 80 Seiten | Ankerwechsel Verlag | ISBN: 978-3947596201

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