
„Du brauchst nichts zu sagen, nie“, sagt er. „Denk immer daran: Das ist etwas, was du nie tun brauchst. So mancher Mann hat viel verloren, nur weil er eine perfekte Gelegenheit verpasst hat, nichts zu sagen.“
(Aus: Das dritte Licht von Claire Keegan, Seite 70, Textrecht: Steidl Verlag)
Das verrät der Klappentext: An einem heißen Sommertag, gleich nach der Frühmesse, liefert ein Vater seine kleine Tochter bei entfernten Verwandten auf einer Farm im tiefsten Wexford ab. Seine Frau ist schon wieder schwanger, noch ein Maul wird zu stopfen sein. Sollen die kinderlosen Kinsellas die Kleine so lange dabehalten, wie sie wollen …
So findet sich das Mädchen an einem seltsam fremden Ort wieder: Hier gibt es einen Brunnen, der nie austrocknet, Milch und Rhabarber und Zuwendung im Überfluss. Hier gibt es aber auch ein trauriges Geheimnis, das einen Schatten auf die leuchtend leichten Tage wirft, auf diesen einen glücklichen Sommer, in dem das Mädchen lernt, was Familie bedeuten kann.
Persönlicher Leseeindruck: „Das dritte Licht“ erzählt auf wenigen Seiten auf eindrucksvoll lakonische und vielleicht gerade deshalb sehr nachdrückliche Art die Geschichte eines irischen Sommers. Doch es ist weniger sommerliche Wärme als vielmehr trostlose Kälte, die einen während des Lesens der ersten Seiten beschleicht.
Denn wir erleben das Geschehen aus der kindlichen Perspektive der stets namenlos bleibenden, jungen Protagonistin, die eines Tages wie ein ungeliebtes Möbelstück vom Vater bei ihr völlig Fremden – dem Ehepaar Kinsella – abgeladen wird. Noch weiß sie nicht, dass dieser Sommer sich anfühlen wird wie warmer Regen nach langer Dürre.
Die junge Protagonistin bleibt über weite Strecken der Erzählung stumm, verfügt jedoch über eine exzellente Beobachtungsgabe. Und so erfahren wir als Leser:innen beinahe beiläufig von dem lieblos kalten Alltag, in dem sie aufwächst, und in dem Alkoholismus, Gewalt und bittere Armut eine unheilige Trinität bilden.
Wir erfahren von einem jungen Leben, das bereits tief gezeichnet ist von der Vernachlässigung, der die Kinder der Familie ausgesetzt sind, von Härte, die aus Hoffnungslosigkeit resultiert, von gottlosem Tratsch, der allzu oft nach jenen tritt, die ohnehin bereits am Boden liegen.
Dass die junge Irin nun bei Verwandten ausgesetzt wird, bahnt sich wie ein erneuter Schicksalsschlag an. Doch nach und nach zeigt sich, dass dieser Sommer lebensrettend sein wird. Ein eigenes Bett. Ein voller Magen. Und: Zum ersten Mal erfährt die Protagonistin liebevolle – und bedingungslose – Zuneigung, Verständnis und Geborgenheit und einen respektvollen Umgang mit ihren Bedürfnissen und Grenzen.
Die Erzählung berührt und macht betroffen, regt an und auf. Zwischen den Zeilen versteckt sich die ganze Bandbreite menschlichen Fühlens. Dass Herzensangelegenheiten – die schönen, wie die niederschmetternden – nie direkt angesprochen, sondern immer nur subtil angedeutet werden, macht für mich die Magie und emotionale Wucht der Erzählung aus.
„Weißt du, wofür Frauen ein Talent haben?“
„Wofür?“
„Für Eventualitäten. Eine kluge Frau kann eine Sache bis ans Ende überblicken, sie riecht, was kommt, ehe ein Mann auch nur Witterung aufnehmen kann.“
(Aus: Das dritte Licht von Claire Keegan, Seite 72, Textrecht: Steidl Verlag)
Fazit: Auf nur wenigen Seiten breitet sich vor dem Leser eine übergroße Geschichte aus: Sie erzählt von Verlust und Hoffnung, von Abschieden und Neuanfängen, vom Unterschied zwischen Leben und Überleben. Claire Keegans Sprache ist lakonisch und dabei dennoch bildgewaltig und eindrücklich, jedes Wort sitzt, jeder Satz trifft. Dabei vertraut die Autorin dem Leser, die Lücken des Ungesagten, nur subtil Angedeuteten, selbst zu füllen.
Wissenswert: Die Erzählung wurde 2009 mit dem renommierten Davy Byrnes Award ausgezeichnet. Zudem wurde sie unter dem Titel The Quiet Girl (Originaltitel: An Cailín Ciúin) verfilmt.
Das dritte Licht von Claire Keegan
Originaltitel: Foster | Übersetzung: Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser | Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen, 96 Seiten | Steidl Verlag | ISBN 978-3-96999-199-2
Unbezahlte, unbeauftragte Werbung. Das Buch wurde von mir gekauft.
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