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[Rezension] Wörter auf Papier von Vince Vawter

Sonntag, 8. April 2018

Wörter auf Papier - Vince Vawter www.nanawhatelse.at Rezension


Es war, als würde ich mit einem dressierten Affen auf dem Kopf den Raum betreten und alle täten so, als wäre der Affe nicht da. 
Aus: Wörter auf Papier von Vince Vawter, Seite 83. Textrechte: Königskinder Verlag (Carlsen)

Klappentext: Du wirst deine Stimme finden. Vielleicht nicht die Stimme, die du dir aussuchen würdest, aber sie wird dir gute Dienste leisten.

Victor ist der beste Werfer von ganz Memphis. Nicht nur beim Baseball. Jede Zeitung, die er austrägt, landet perfekt auf der Veranda. Doch wenn Victor an Freitag denkt, wird ihm mulmig zu Mute. Dann muss er das Geld bei den Abonnenten einsammeln. Und das, wo er so sehr stottert, dass er kaum zwei Wörter hintereinander herausbringt. 
Ein unerschrockener Junge und seine bemerkenswerte Geschichte.


Man kann nicht einen Schmerz durch einen anderen verdrängen.
Am Ende hat man bloß doppelten Schmerz.
Aus: Wörter auf Papier von Vince Vawter, Seite 122. Textrechte: Königskinder Verlag (Carlsen)

Rezension: Victor Vollmer hasst seinen Namen. Weil er mit einem V beginnt und ihm das fast noch schlechter von den Lippen geht als dieser blöde P-Laut. Seinen Freund Art nennt er Rat, weil sich das in seinem Mund nicht so leicht zu einem unaussprechlichen Klumpen verknotet und am liebsten sind ihm Wörter, bei denen die sanfte Luft, die ihm hilft, ohne Stottern zu sprechen, ganz von alleine kommt. Als Rat zu seinen Großeltern auf die Farm fährt, übernimmt Victor einen Monat lang dessen Aufgaben als Zeitungsbote – er erlebt dabei so manches Abenteuer und macht ungewöhnliche Bekanntschaften. Da wäre die unglaublich hübsche Mrs Worthington, die so unglücklich wirkt. Mr Spiro, der alte Abenteurer, in dessen Wohnung sich die Bücher bis unter die Decke stapeln und der ihm hilft, seine Sprache zu finden. Und dann ist da noch Mam, die als Kindermädchen und Haushaltshilfe bei den Vollmers arbeitet, und die im Bus nicht vorne sitzen darf…

Der Roman Wörter auf Papier vermittelt auf unglaublich authentische Weise persönliche und gesellschaftliche Krisen und Brennpunkte aus der Sicht eines elfjährigen Jungen im Amerika der 50er Jahre. 

Zwischenmenschliche Beziehungen, gesellschaftlicher Wahn, tragische Einzelschicksale und bittersüße Zufälle: all diese Themen verflicht der Roman in Gestalt außergewöhnlicher Figuren miteinander und skizziert damit das Panorama einer Fake-Idylle. Alle Figuren, egal wie groß oder peripher ihre Rollen sein mögen, haben Gewicht und Tiefgang, was eine der größten Stärken des Romans ist. Aus der Perspektive eines kleinen Jungen zu erleben, wie Welten aufeinanderprallen, wie Dinge, die für Erwachsene logisch zu sein scheinen, eigentlich überhaupt keinen Sinn ergeben, wirkt so ehrlich, ungestellt und erfrischend, dass es vollkommen entwaffnend ist. In seine alte Schreibmaschine tippend, schreibt sich Victor Satz und Satz in das Herz des Lesers.



Wörter auf Papier - Vince Vawter www.nanawhatelse.at Rezension


Der Umstand, dass Victor, obwohl er hochintelligent, aufgeweckt und der beste Pitcher seines Jahrgangs ist, aufgrund seines Stotterns nicht für voll genommen wird, macht einen als LeserIn gleichermaßen wütend wie fassungslos traurig. Das Stottern, um das sich so viele von Victors Gedanken und Ängste drehen, ist das zentrale Sujet und die autobiografische Komponente des Romans; Vince Vawter, der Autor dieses nachdenklich stimmenden und herzerwärmenden Textes, stottert ebenfalls seit seinen Kindertagen. 

Während Wörter auf Papier ganz große Themen wie Stigmatisierung aufgrund von Sprachstörungen, Apartheid, Identitätssuche und Freundschaft anpackt, ohne larmoyant oder moralapostolisch darauf herumzutänzeln, widmet sich der Text wie beiläufig, ganz unaufdringlich und doch in einer unglaublich stimmigen Atmosphäre der Liebe zur Literatur, der Liebe zu schönen Wörtern und der Liebe zu den Menschen, die uns helfen, unsere eigene Sprache zu finden oder uns auch ganz ohne Worte verstehen.


Ich jonglierte im Kopf mit den Buchstaben und Wellen und Häusern und Schlangen. Wieso hatte mir noch niemand gesagt, dass Buchstaben mehr sind als die Geräusche, die man macht, wenn man sie ausspricht? 
Aus: Wörter auf Papier von Vince Vawter, Seite 89. Textrechte: Königskinder Verlag (Carlsen)

Persönliches Fazit: Wörter auf Papier von Vince Vawter ist ein schnörkellos schöner Roman, der dazu einlädt, Passagen mehrere Male zu lesen, sich Worte auf der Zunge zergehen zu lassen, über die Macht von Sprache und die Ohnmacht, die mit Sprachlosigkeit einhergeht, nachzudenken.


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Autor: Vince Vawter
Übersetzung: Ingo Herzke
Titel: Die Märchen von Beedle dem Barden
Originaltitel: Paperboy
Einband: Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen
Verlag: Königskinder (Carlsen)
Seitenanzahl: 288
ISBN: 978-3-551-560018