[Rezension] Ein Sommer ohne uns von Sabine Both

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[Rezension] Ein Sommer ohne uns von Sabine Both

Samstag, 14. Mai 2016

Rezension Ein Sommer ohne uns Sabine Both www.nanawhatelse.at
Foto: www.nanawhatelse.at, Bildrechte (Cover): Loewe Verlag

„Wusstest du, dass frisch Verliebte dieselben Symptome zeigen wie Leute mit Psychose?“
aus: Ein Sommer ohne uns von Sabine Both, Seite 76. Textrechte: Loewe Verlag


Der Klappentext: Eine ganz große Liebe. Und eine Auszeit von der Treue.
Eine offene Beziehung. Für drei Monate. Zwischen Abi und Studium. Sich ausprobieren. Mit anderen. Danach ist alles wieder wie zuvor und Tom und Verena weiterhin ein Paar. Denn sie lieben sich und wollen für immer zusammenbleiben. Doch ist das wirklich so einfach, wie sie es sich vorstellen? (Textrechte: Loewe Verlag)



Rezension: Sabine Both wagt sich mit ihrem jüngsten Jugendroman auf gewagtes Terrain vor: Treue, Sex und Eifersucht sind zwar Themen, die in so manchem Young Adult Roman zentral sind, in Ein Sommer ohne uns werden sie aber auf einzigartige Weise verhandelt. Die Geschichte von Tom und Verena ist die einer klassischen Sandkastenliebe. Die auch nach Jahren eigentlich perfekt ist, wären da nicht die Zweifel, ob man nicht vielleicht etwas – oder jemanden – verpasst, wenn man bereits in jungen Jahren in einer langjährigen Beziehung steckt. Darf man an der Liebe zweifeln? Kann man sich lieben, ohne einander treu zu sein – oder kommt es dabei unweigerlich zu Kollateralschäden? Auch wer dem Sujet grundsätzlich etwas skeptisch gegenüberstehen mag, fühlt sich mit diesem Buch nicht unwohl, weil es vollkommen ohne schmalzigen Kitsch auskommt und beinahe erschreckend direkt und unverblümt vom Erwachsenwerden und Lieben, vom Enttäuscht-Sein und Enttäuschen und von Fehlern und Entscheidungen erzählt, deren Konsequenzen zwar vorhersehbar sind, die einen als Leser dann aber doch absolut kalt erwischen.


Sie ist ihm so lange nicht begegnet, dass es sie trifft wie ein Tsunami. Sie wird weggespült. Sie hätte nicht damit gerechnet, dass ihr das passiert. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie nichts fühlt. Vielleicht eine Vertrautheit, weil die sich nicht vermeiden lässt. Vielleicht Wut. Was sie aber fühlt, ist eine heiße Welle, die ihren Körper erfasst, die alles wegreißt, was Verena zum Schutz erbaut hat. Die, als sie sich zurückzieht, abgerodete Fläche zurücklässt, Tabula rasa, etwas, das darauf wartet, neu bebaut zu werden.
aus: Ein Sommer ohne uns von Sabine Both, Seite 238. Textrechte: Loewe Verlag


Die sprachliche Direktheit verblüfft und erstaunt gleichermaßen. Der recht ungewöhnliche, stakkatoartike Schreibstil, der die Sätze ein wenig abgehackt wirken und im Leser das Gefühl aufkommen lässt, unmittelbar an den Gedanken der Figuren teilhaben zu können, ist gerade anfangs etwas irritierend – Seite für Seite lernt man die außergewöhnliche Sprache des Romans jedoch mehr zu schätzen. Der Stil dieses Buches ist wie eine Komposition, in die man erst hineinfinden muss, die sich nach und nach aber in einen Ohrwurm verwandelt und deren Töne lange nachklingen. Innovativ ist nicht das Thema, sondern die Art des Zugangs. Sabine Both zeigt mit dieser bedrückenden und dennoch herzergreifenden Geschichte auf, dass das Erwachsenwerden alles andere als ein Zuckerschlecken ist – und auch Erwachsene die Weisheit nicht immer gepachtet haben.

Die Handlung entfaltet sich – man verzeihe mir diese Metapher – wie ein Unfall, von dem man bis zuletzt hofft, dass die Protagonisten ihn vermeiden können: als Leser weiß man einfach instinktiv, dass Punkt X der Beginn einer Abwärtsspirale ist, die unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert. Bei der Lektüre dieses Buches setzt der klassische Ich-möchte-in-das-Buch-hineinkriechen-und-den-Protagonisten-ordentlich-den-Kopf-waschen-Effekt ein. Obwohl der Roman Themen verhandelt und Motive aufgreift, die gerade im Jugendbuchsektor keinen Seltenheitswert haben, sticht dieses Buch aus der grauen Masse heraus: es wirft Fragen zu Schuld und Vertrauen auf – ganz ohne Moralapostel-Manier, weist Tiefgang auf und entwickelt eine Dynamik, die es zum Pageturner macht. Ein Sommer ohne uns ist ein solider Jugendroman, der gut unterhält – wenngleich der Charakter der Antagonistin enttäuschend flach bleibt und die Dialoge so manches Mal gehörig an Authentizität einbüßen müssen.


Es hat nicht gut gehen können. Das weiß er jetzt. Nicht bei ihnen. Nicht so.Wenn er könnte, würde er die Zeit zurückdrehen.
aus: Ein Sommer ohne uns von Sabine Both, Seite 234. Textrechte: Loewe Verlag


Persönliches Fazit: Ein Sommer ohne uns ist ein Jugendroman, der aus der 0815-Schublade purzelt und sowohl sprachlich als auch thematisch mit seinem Mut zur Direktheit zu überraschen weiß und gerade durch das Fehlen jeglichen Kitsches und seine ehrliche Schlichtheit punkten kann.

Ich vergebe 4 von 5 Gerrys.


Ein Sommer ohne uns von Sabine Both | Loewe Verlag, 2016 | Klappenbroschur mit Spotlack, 240 Seiten | ISBN 978-3-7855-8222-0
Herzlichen Dank an den Loewe Verlag für das Buchhänder-Leseexemplar.

Rezension Ein Sommer ohne uns Sabine Both www.nanawhatelse.at
Foto: www.nanawhatelse.at, Bildrechte (Cover): Loewe Verlag 

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