Wie viel Wahrheit verträgt die Freundschaft? Ein Blick in die Zitatekiste.

Seiten

Wie viel Wahrheit verträgt die Freundschaft? Ein Blick in die Zitatekiste.

Sonntag, 22. Oktober 2017

Freundschaft Kritik Zitate www.nanawhatelse.at

Eine Freundschaft mit mir ist nicht wie eine Schachtel Pralinen.
Denn man weiß immer, was man kriegt.
Nana Grübler, österreichisches Krümelmonster und Literaturbloggerin

Aus gegebenem Anlass habe ich in den letzten Tagen und Nächten immer wieder über die Frage gegrübelt, wie viel Wahrheit eine Freundschaft denn so Pi mal Daumen verträgt. Wird von Menschen, die wir zu unseren Freunden zählen, erwartet, dass sie uns bedingungslos in unserem Tun unterstützen, obwohl sie unser Handeln eigentlich nicht gutheißen? Bedeutet Freundschaft nicken, lächeln, sich denken "er/sie/es wird schon wissen, was er/sie/es tut"? Ist Kritik in einer Freundschaft nicht (mehr) drin? 

Ich bin die Art Mensch, die Freundschaften schätzt, die nach der Devise

Ich bin dein Freund, 
und deshalb sage ich dir nicht, 
was du hören willst, 
sondern was du hören musst


verfahren  und deshalb auch gut funktionieren. Weil Menschen, die einen gut kennen, die man schätzt und die einen umgekehrt auch nicht für einen Sack Gold eintauschen würden, das Wohlergehen des anderen zu ihrer eigenen Sache machen. Da kann im Eifer des Gefechts auch mal eine Salve gut gemeinter Ratschläge abgefeuert werden, um die man nicht gebeten hat, genauso kann und soll meiner Meinung in solchen Freundschaften durchaus auch Kritik geäußert werden.

Petersilie, Senf und Freundschaft


Das bedeutet natürlich nicht, dass man darüber glücklich sein und sie annehmen muss – aber zumindest sollte einem ein ehrliches, wenn auch vielleicht pieksendes Wort aus dem Mund eines Freundes so viel wert sein, dass man es ernst nimmt und als das sieht, was es ist: Die wohlmeinende Sicht eines Außenstehenden.

Als Freund ist man immer wieder in der Position einer nicht handelnden, aber anwesenden Nebenfigur, die zwar keinen unmittelbaren Einblick in das (aber eine ungefähre Vorstellung von dem) Innenleben des Protagonisten hat, deren böse Vorahnungen dem Leser aber als Kommentar untergeschoben werden. Die Rolle der Nebenfigur, die stumm (und dumm) danebensteht, während der vermeintliche Held (Freunde = Alltagshelden) ins offene Messer läuft, ist eine mehr als undankbare und deshalb vermeide ich es tunlichst, sie mir anzuziehen. Soll heißen: Manchmal wird die Pappalatur aktiv noch bevor der Denkapparat eine Reinzeichnung meiner Gedanken ausgespuckt hat, aber taten- und meinungsloses Verhalten gegenüber meinen Freunden kann man mir nicht guten Gewissens vorwerfen.

Pssst, du hast da Petersilie zwischen den Zähnen!, ist vermutlich etwas, das niemand gerne hört. Noch unangenehmer ist es aber wahrscheinlich, nach einem dreistündigen Kaffeetratsch beim Blick in den Spiegel festzustellen, dass das Gegenüber wohl doch nicht die neue Halskette so eingehend gemustert hat.

Dem Freund mit einem subtilen Wink klarzumachen, dass ihm der halbe botanische Garten zwischen den Vorderzähnen hängt, ist zwar nobel und notwendig, aber hoffentlich keine Situation, die die Bruchfestigkeit einer Freundschaft ernsthaft auf die Probe stellt.

Gelegenheiten eine Freundschaft dem Härtetest zu unterziehen, gibt es dennoch genügend. Verhält ein Freund sich selbst oder anderen gegenüber unfair, ist es keine leichte Aufgabe, eine Message, die zum Nachdenken anregen soll, durch die Blumen zu sagen, während man eigentlich mit viel Gebrüll mit der Tür durchs Haus fallen will. Aber ich finde, es fällt ohne wenn und aber in den Zuständigkeitsbereich von Freunden diese Kunststücke zu vollbringen ohne Gage dafür zu verlangen, und das 24/7. Dass man nicht vor den Türen anderer kehren soll, dem stimme ich voll zu, aber zählen meine Freunde zu dieser namen- und gesichtslosen Masse der "anderen"? Ich sage (relativ entschieden, wenn auch im Einzelfall zum Zurückrudern bereit): nein. Denn Freunde sind nach einigem Augenüberdrehen meist happy, wenn man beim Kehren tatkräftig mithilft und wissen, dass man selbst auch gern Hilfe annimmt bei der Beseitigung hartnäckiger Krümel unter der Fußmatte. Absolut metaphorisch gesprochen natürlich, mein Putzfimmel schlägt ja schon beim Schreiben dieser Zeilen Purzelbäume.

Was ist der langen Rede kurzer Sinn?


Das, worauf sich meine Freunde immer zu 100% verlassen können, ist, dass ich ihnen immer meine ehrliche, unzensierte Meinung sagen werde (manchmal gefragt, manchmal auch nicht)  und dass ich mir umgekehrt nicht weniger erwarte und erhoffe.

Gerade von Menschen, die mich kennen und schätzen, nehme ich Kritik viel lieber entgegen als von Menschen, die sich einen Sport daraus machen, in Unkenntnis der Umstände zu allem und jedem ihren schal schmeckenden Senf abzugeben.

Geht das nicht mit ein bisschen mehr Pathos?


Aber klar doch.
Eine Rüge von einem Menschen, den wir schätzen, kann sich natürlich wie ein fieser Wespenstich anfühlen. Vielleicht ist aber auch gerade dieser Stachel, der uns im Fleisch steckt und piekst und pocht notwendig, um uns wachzurütteln und uns ohne einen Kübel kalten Wassers den Kopf zu waschen.

Kritik an einem Freund zu üben, ist doch nichts anderes, als mit anderen (und durchaus auch gepfefferten) Worten zu sagen: Ich kenne dich, ich sehe dich und ich weiß, dass du besser bist als das, was du gerade getan hast. 


Aus der Zitatekiste


Ich habe in der Zitate-Fundgrube gewühlt, und jene mehr oder minder weisen Worte zum Thema Kritik herausgepflückt, die a) dezent provokant, b) einfach schön oder c) a+b waren.


Wer sich über Kritik ärgert, gibt zu, dass sie verdient war.
Publius Cornelius Tacitus (ca. 55 - 120 n. Chr.), römischer Geschichtsschreiber
Als jemand, dem die Freundschaft aufgrund von geäußerter Kritik gekündigt wurde, applaudiere ich an dieser Stelle mal kurz und kräftig  Publius, du schlauer Mann! , allerdings in dem Wissen, dass es wohl leider leider doch nicht ganz so einfach ist. 


Nur der hat das Recht auf Kritik, der von Herzen hilfreich ist.
Abraham Lincoln (1809 - 1865), 16. Präsident der USA
Ist ehrlich gemeinte Kritik nicht immer hilfreich?


Der letzte Beweis von Größe liegt darin, Kritik ohne Groll zu ertragen.
Victor Marie Hugo (1802 - 1885), französischer Schriftsteller
Ich bin 1,59 m groß. Das wäre also meine Chance. Du bist größer. Ob dir an diesem Beweis allzu viel liegt?


Ehrlichkeit ist der schönste Juwel der Kritik.
Benjamin Disraeli (1804 - 1881), britischer Schriftsteller
Oder in anderen Worten: So kann man auch Perle vor die Säue werfen. 
Oder in anderen Worten: Die Schönheit (der Ehrlichkeit) liegt im Auge des Betrachters.
Oder in anderen Worten: Quatsch. Ehrlichkeit ist nicht immer schön. Aber dem Mut, ehrlich zu sein, auch wenn's schwer fällt, kann man seine Schönheit beim besten Willen nicht absprechen.



Never miss a good chance to shut up.
Will Rogers (1879 - 1935), US-amerikanischer Komiker, Schauspieler, Autor sowie Cowboy
So gut gemeint Ratschläge und Kritik auch sein mögen,  manchmal  wenn auch sicher nicht immer – ist es wohl das Beste, einfach die Klappe zu halten und sich seinen Teil zu denken.
Oder?, frage ich leise.
Oder?, flüstert das Echo zurück und hat auch nicht mehr Ahnung als ich.


Don't try to solve serious matters in the middle of the night.
Philip K. Dick (1928 - 1982), US-amerikanischer Science-Fiction-Autor
Es ist spät, die Zitate-Schatzkiste ist geplündert und ich nehme nur allzu willig den Ratschlag (oder die Warnung?) von P. K. Dick an. Heute Nacht werde ich weder Freundschaften noch die Welt retten. Aber vielleicht morgen.

PS:

Man kann immer nett zu jenen sein, die uns nichts angehen.
Oscar Wilde (1854 - 1900), irischer Schriftsteller

Kommentare:

  1. Hallo,

    danke für diesen Artikel! Tatsächlich beschäftigt mich dieses Thema aktuell sehr stark und ich bin für mich zu dem Fazit gekommen, dass sich meine Freunde nicht die Mühe machen würden mich zu kritisieren, wenn ihnen nicht etwas an mir liegen würde. Wobei es solche und solche Kritik gibt. Es gibt zerstörende Kritik, die destruktiv ist und nicht hilft, etwas besser zu machen, und es gibt eben konstruktive Kritik, solche, die einem einfach die Augen dafür öffnet, was man falsch macht (und im besten Fall noch Wege aufzeigt, wie man es besser machen kann). Die Wahrheit tut in beiden Fällen weh, allerdings gehe ich mit Bekannten und Freunden dann unterschiedlich um: die meinen, mich mit ihrer Kritik zerstören zu müssen, habe ich von Herzen gern aus meinem Leben verabschiedet, das sind keine Menschen, die man braucht! Die anderen sind wirklich Freunde, und ich hoffe, dass sie noch sehr lange an meiner Seite bleiben, auch wenn irgendwann man wieder ein Zeitpunkt kommen sollte, an dem sie mich kritisieren müssen. Das sind nämlich Menschen, die einem "weh tun", weil sie damit helfen und nicht verletzen und die dazu beitragen, dass man etwas besser macht, und wenn es nur ist, dass man mit sauberen Zähnen herumläuft ;)

    Liebe Grüße Anette

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Anette,

      du sprichst mir wirklich aus der Seele. Menschen, denen an mir gelegen ist, werden sich immer bemühen, konstruktive Kritik zu üben und die, die es nicht tun, sind wohl auch nicht allzu sehr an einer Freundschaft als vielmehr an einem Punching Ball interessiert...

      Viele liebe Grüße und ein großes Dankeschön für deine Zeilen! ♥
      Nana

      Löschen

Ich freue mich immer über ein paar nette Zeilen. Tippselt mir doch was Flauschig-Fluffiges!