[Rezension] Charlotte von David Foenkinos

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[Rezension] Charlotte von David Foenkinos

Dienstag, 15. September 2015

Foto: Nana - What else? Text- und Bildrechte: DVA

Es gilt vor allem das Gesetz der guten Nachbarschaft.
Das Buch, das man gerade sucht, ist nicht unbedingt das, das man lesen sollte. 
Es lohnt sich, einen Blick auf das zu werfen, das daneben steht. 
Aus: Charlotte von David Foenkinos, Seite 70. Textrechte: DVA


Inhalt: Berlin in den 1930ern: Bei den Salomons verkehren gefeierte Sänger, Literaten und berühmte Wissenschaftler. Bis die Nazis dem illustren Treiben ein jähes Ende bereiten – und damit auch Charlottes Traum, Künstlerin zu werden. Die Flucht nach Südfrankreich beschert ihr noch etwas Zeit, um zu leben, lieben und wie im Rausch zu malen.


Die angeregten Diskussionen im Hause Salomon bereichern Charlottes Leben.
Sie entwickelt sich zu einer eifrigen und leidenschaftlichen Leserin.
Verschlingt Goethe, Hesse, Remarque, Nietzsche und Döblin.
Aus: Charlotte von David Foenkinos, Seite 43. Textrechte: DVA


Idee: Das Ergebnis von David Foenkinos‘ Versuch, das Leben der Charlotte Salomon, ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Ängste und Träume auf Papier zu bringen, ist dieser Roman. Aufwendig recherchiert der Autor das Leben der jungen deutschen Malerin, deren Kunst als „entartet“ diffamiert wurde und deren Leben dem nationalsozialistischen Terror zum Opfer fiel. Doch obwohl das Leiden einen durchgängigen roten Faden im Leben der Charlotte Salomon darstellte – unzählige Selbstmorde in der Familie mütterlicherseits, der zunehmende Antisemitismus, der Kampf als Frau und Jüdin in der Kunstszene Anerkennung zu finden – gelingt es Foenkinos, auch die Sonnenstunden, die kleinen Freuden und großen Lieben im Leben dieser brillanten, und sehr eigenwilligen jungen Künstlerin festzuhalten, womit er ihr ein wunderschönes Denkmal setzt.


Er hat viele Gelegenheiten zu fliehen.
Aber er will seine Familie nicht im Stich lassen.
Er ist ein Bollwerk für die Schwachen, auf verlorenem Posten.
Ein tapferer Mann.
1943 wird er ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt.
Wo zahlreiche Prominente und Künstler inhaftiert sind.
Ein Vorzeigelager.
Ein Schaufenster für das Komitee vom Roten Kreuz.
Das Komitee sieht nicht, was sich hinter den Kulissen abspielt.
Die Nazis führen eine Nummer auf, alles in bester Ordnung hier.
Singer bekommt sogar eine Rolle in diesem Schauspiel.
Er muss den Taktstock heben und ein Orchester dirigieren.
Die Überlebenden eines Orchesters.
Die Musiker werden nach und nach verstummen.
Und sang- und klanglos verrecken.
Aus: Charlotte von David Foenkinos, Seite 58. Textrechte: DVA


Umsetzung: David Foenkinos beschreibt nicht nur den Weg seiner Recherchearbeit, sondern auch seine Suche nach einer geeigneten Form und einer passenden Sprache, um zu beschreiben, wozu oft die Worte fehlen. Jeder Satz beginnt in einer neuen Zeile, Momenteindrücke, Gedankenfetzen, Erinnerungen. All das findet in der gewählten Form Platz. Jeder Satz wirkt vollendet. Die Kapitel sind kurz und gehen oft gekonnt ineinander über, dann wieder finden plötzliche Perspektiven- und Zeitwechsel statt. Und dennoch ist das Ergebnis absolut stimmig, wie eine Melodie, die überwiegend von Moll-Akkorden getragen wird, in die sich aber immer wieder, sanft aber unüberhörbar, fröhliche, Strophen in Dur mischen.

Foto: Nana - What else? Text- und Bildrechte: DVA

Sie möchte sich an irgendetwas festhalten.
Nicht mehr suchen müssen, was nicht zu finden ist.
Aus: Charlotte von David Foenkinos, Seite 62. Textrechte: DVA


Gestaltung: Den Schutzumschlag ziert das Selbstportrait Charlotte Salomons. Ein erster Blick auf das Buch verrät somit nicht nur etwas über Charlotte, sondern auch über ihre Malerei: ausdrucksstark und einzigartig.


Der so beschriebenen entarteten Kunst ist eine große Ausstellung gewidmet.
Es wird gezeigt, was nicht gefallen darf.
[…]
Die Bücher sind bereits verbrannt, jetzt werden Bilder bespuckt.
Aus: Charlotte von David Foenkinos, Seite 68. Textrechte: DVA


Fazit: David Foenkinos erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau, einer genialen Künstlerin und verfolgten Jüdin. Mit dem Roman Charlotte gewährt Foenkinos Einblicke in ein Leben, das von schweren Schicksalsschlägen gezeichnet war, von großen Persönlichkeiten geprägt wurde und – wie es scheint – nur eine Bestimmung hatte: Die Malerei.

Ich vergebe 4,5 von 5 Gerrys für diesen außergewöhnlichen Roman, der von wahren Begebenheiten berichtet und dennoch auch der Fantasie des Lesers Freiraum lässt. Charlotte ist eine Liebeserklärung an die Freiheit, die in trostlosen Zeiten manchmal nur noch in der Kunst gefunden und gelebt werden kann.
Ich bedanke mich von Herzen beim DVA-Verlag für das Rezensionsexemplar!

Charlotte von David Foenkinos | Übersetzung: Christian Kolb Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 240 Seiten | DVA, 2015 | ISBN: 978-3-421-04708-3

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