[Rezension] Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes

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[Rezension] Ein ganzes halbes Jahr von Jojo Moyes

Sonntag, 28. April 2013

"Ich starrte meinen Kalender an, den Stift immer noch in der Hand. Auf einmal vermittelte mir die mit Rechtecken bedruckte Fläche das Gefühl einer unglaublichen Verantwortung. Ich hatte hundertsiebzehn Tage, um Will Traynor davon zu überzeugen, dass es sich lohnte weiterzuleben."
[Seite 198]


Ein klein wenig zum Inhalt: Will Traynor ist erfolgreich, charmant, gutaussehend und sprüht vor Leben. Kein Berg ist ihm zu hoch, kein Deal zu schwer. Er liebt das Leben. Er lebt das Leben. Bis ein Motorradunfall seinen Plänen und Wünschen ein jähes Ende setzt - denn von nun an ist er bei allem was er tut auf die Hilfe anderer angewiesen und an einen Rollstuhl gebunden.
Louisa Clark, zufrieden mit einem Job im Dorfcafé, einem wenig charmanten Langzeitfreund, ihren schrillen selbstentworfenen Outfits, und einem Leben, das zwar keine Abenteuer, dafür aber Sicherheit und Routine bietet, wird vollkommen aus der Bahn geworfen, als das Café, in dem sie arbeitet, schließt. Der Berater im Jobcenter vermittelt der völlig verzweifelten Lou einen Job als Pflegerin. Doch Lou trifft nicht auf den "klassischen, alten, sabbernden Pflegefall", den sie erwartet hat. Sie trifft auf einen jungen Mann mit trockenem Humor, viel Charme und dem Mut, genau das zu sagen was er denkt. Ein Mann, dessen  Augen vor Abenteuerlust glitzern, dessen Beine ihn aber nicht mehr tragen. Lou beschließt Will zu beweisen, dass sein Leben auch nach dem Unfall, der ihn praktisch bewegungsunfähig gemacht hat, noch lebenswert ist. Doch es stellt sich heraus, dass es vielmehr Will ist, der Lou das wahre Leben mit all seinen Wundern zeigt als umgekehrt...


"Sie verstehen es nicht, Clark. Ich will dort nicht hin, wenn ich ... in diesem Ding sitzen muss." Er nickte zu dem Rollstuhl, seine Stimme zitterte. "Ich will als ich in Paris sein, als mein altes Ich. Ich will auf einem Stuhl sitzen und mich zurücklehnen, ich will meine Lieblingskleidung tragen und hübsche Französinnen vorbeigehen sehen, die mir einen Blick zuwerfen, wie sie es bei jedem Mann tun würden, der dort sitzt. Die nicht eilig den Blick abwenden, wenn sie feststellen, dass ich in einem überdimensionierten Kinderwagen hocke." [Seite 279]

Idee: Jojo Moyes wagt sich an ein heikles Thema, zu dem man VOR dem Lesen dieses Buches mit Sicherheit eine bestimmte Meinung hat - NACH dem Lesen dieses Buches fühlt man sich jedoch gezwungen sie zu verwerfen, zu überdenken, sie mit tausend "Wenns" und "Abers" zu versehen - egal welcher Meinung man zuvor war. Man bekommt Einblick in das Leben eines Tetraplegikers, man spürt die Scham, wenn Will im Restaurant gefüttert werden muss, man spürt seinen Frust, seine Hände nicht heben, und schöne Dinge berühren zu können, man spürt seinen Wunsch, einfach aus seinem "überdimensionierten Kinderwagen" aufzustehen, und dieses Leben hinter sich zu lassen, um endlich wieder auf einen Berg zu steigen, ein Mädchen in den Armen zu halten, sich selbst die Zähne putzen zu können. Man ist empört über die Reaktionen des Umfeldes und muss sich doch immer wieder selbst bei der eigenen Nase nehmen- wenn dieses Buch nicht mit Vorurteilen gegenüber gehandicapten Menschen aufräumt und uns unseren unnatürlichen Umgang mit ihnen überdenken lässt, dann schafft es kein anderes.

Umsetzung: Eine Geschichte voller Wortwitz und Charme, frecher Dialoge und herzzerreißenden Gesprächen. Mit Will und Lou stellt und Jojo Moyes einzigartige Protagonisten vor, die willensstark und dickköpfig, einfühlsam und egoistisch, selten allein und doch meist einsam, verwundbar und unbesiegbar sind. 512 Seiten und jede einzelne ist ein Genuss - obwohl "Ein ganzes halbes Jahr" eine leise, zarte Geschichte ist, entpuppt sie sich bald als Pageturner, der Herzrasen verursacht und erst weggelegt werden kann, wenn auch die letzte Seite gelesen ist.  (Es sollte sich niemand wundern, wenn man nach dem Lesen dieses Buches, das Bedürfnis hat, von vorne zu beginnen...)

"Es gibt nichts Unangenehmeres für Vorübergehende, als einen Mann im Rollstuhl eine Frau anflehen zu sehen, die sich eigentlich um ihn kümmern sollte. Es gehört sich anscheinend einfach nicht, auf einen Behinderten wütend zu sein, dessen Pflegekraft man ist. 
Ganz besonders, wenn er sich eindeutig nicht selbst bewegen kann und leise sagt: "Clark. Bitte. Komm her. Bitte." Aber ich konnte nicht. Ich konnte ihn nicht ansehen." [Seite 467]
Gestaltung: Das Cover ist traumhaft schön, ein wenig melancholisch, märchenhaft. Zart, schlicht, verträumt. Zudem ist wilder Mohn für mich das schönste, was es an Blumen auf diesem Planeten gibt. Die zarten Letter des Titels sind fühlbar (ich stelle mir vor, wie schön es für Will wäre, darüberzustreichen), die Aufmachung verzaubert. Eine wunderbare Broschur, deren Gestaltung man jedoch erst nach dem Lesen des Buches voll und ganz versteht.

Soundtrack: Will und Lou besuchen gemeinsam ein klassisches Konzert. An diesem Abend ist Will nicht länger ein "Behinderter", ein "Tetraplegiker", sondern schlicht ein junger Mann, der mit einem Mädchen im roten Kleid ausgeht...
Deshalb stammt mein Soundtrack zu "Ein ganzes halbes Jahr" aus der klassischen Ecke. Ich denke Will und Lou hätten Brahms Symphony No.3 - Poco Allegretto geliebt :)


Fazit: "Ein ganzes halbes Jahr" ist eines dieser kostbaren Bücher, bei denen man sich wünscht DIE GANZE WELT würde sie lesen. Und im gleichen Moment Angst davor hat, weil man sich mit dieser Geschichte, den Schicksalen so verbunden gefühlt hat, dass dieses Buch zu teilen bedeuten würde, ein wenig von sich selbst preiszugeben. Doch ich bin überzeugt: Niemand liest dieses Buch auf die gleiche Weise.
In wunderschönen Worten erzählt Jojo Moyes eine wunderschöne Geschichte: Und das Gefühl das am Ende bleibt, ist ein bisschen wie Liebeskummer. Bittersüß.

6 von 5 Sternen!

Ich bedanke mich tausend Mal bei Lovelybooks und dem rororo Verlag, 
dass ich an der Lesechallenge zu diesem unvergleichlich berührenden Roman teilnehmen durfte! 
Vielen, vielen Dank, es war ein bittersüßes Vergnügen!



 
Jojo Moyes lädt ein Will und Lou kennen zu lernen...

Broschiert: 512 Seiten
Verlag: rororo
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499267039
ISBN-13: 978-3499267031
Originaltitel: Me Before You
Mehr Infos und eine Leseprobe 

Kommentare:

  1. Hach, man merkt richtig wie Dich das Buch berührt hat. Es ist dieser super gelungen dieses Gefühl in die Rezension zu transportieren. Hoffen wir, dass das Buch auch noch viele andere berührt. Ich kann es auch nicht vergessen, obwohl es schon ca. 10 Monate her ist, dass ich es gelesen habe.

    GLG <3
    Monika

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    1. Danke Monika für deine lieben Zeilen :)

      Bei solch wunderwunderbaren Geschichte fällt es mir immer so unglaublich schwer, eine Rezension zu schreiben.. "Ein ganzes halbes Jahr" hat mich wirklich sprachlos (lächelnd und weinend zugleich) zurückgelassen.

      Ich hoffe auch, dass dieses Buch viele weitere zum Grübeln, Nachdenken, Lachen und Schluchzen bringt. :)

      10 Monate? (: Du hast es also in Englisch gelesen? :)
      Ich überlege auch, mir "The girl you left behind" von Jojo Moyes im Original zu holen..

      Viele viele liebe Grüße und einen schönen Sonntag!

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  2. Von mir selbst aus hätte ich das Buch glaube ich nicht gelesen, allerdings musste ich feststellen, dass ich den Klappentext noch nicht mal kannte. Die Geschichte klingt super - erinnert mich ein bisschen an Ziemlich beste Freunde und ich habe diesen Film geliebt - und die vielen begeisterten Rezensionen sprechen für sich. Ein Fall für die Wunschliste! :D

    Alles Liebe,
    Sandra

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  3. das wird sicher mein nächstes buch.. muss aber vorher wieder shoppen gehn - taschentücher und viiiiiel schokolade *g*... ^^ danke für die empfehlung!!! und toooolle rezi nana - wie immer ^^ well, what else?! :D *g*

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  4. Ich habe das Buch selbst gelesen. Und ich muss sagen, dass die Inhaltsangabe die du gemacht hast, viel besser zu dem Buch passt, als die eigentliche Inhaltsangabe. Du hast es genau auf den Punkt gebracht. Ich habe mir das Buch an einem Freitag gekauft und dachte mir, bevor ich ins Bett bin, dass ich ja noch 2 Kapitel lesen kann. Nunja, was soll ich sagen. In dieser Nacht habe ich nicht viel geschlafen. Das Buch ist fesselnd(sehr fesselnd, man fühlt sozusagen mit den Personen mit), mal was anderes und eindeutig das beste Buch, was ich in den letzten Jahren gelesen hab. Ich glaube, dass ich das ganze Wochenende über dieses Buch nachgegrübelt habe und ich immer wieder das verlangen habe, es noch einmal zu lesen und dann darauf verzichten muss, da ich es verliehen habe. Das Fazit bringt es also auf den Punkt, ich wollte das Buch UNBEDINGT weitergeben, aber irgendwas in mir sagte sich: Aber das ist dein Buch, das willst du nicht weggeben und du willst auch nicht, dass andere es lesen. Aber dennoch hat man den Drang über das Buch reden zu müssen. Diese Buch Rezension bringt alles auf den Punkt!

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Ich freue mich immer über ein paar nette Zeilen. Tippselt mir doch was Flauschig-Fluffiges!