[Rezension] Flucht eines Toten von David Bielmann

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[Rezension] Flucht eines Toten von David Bielmann

Samstag, 28. Juli 2012

Rezension "Flucht eines Toten" von David Bielmann www.nanawhatelse.at Der Salzburger Buch-Blog.
Foto: www.nanawhatelse.at, Bildrechte (Cover): WOA Verlag
"Seine Bewegungen wurden schwerfälliger, doch schien ihm eine unbändige Kraft unter die Arme zu greifen, die ihn trotz der schattenhaften Umgebung zuversichtlich stimmte. Sodann wurde er von einem Sog erfasst, einem wunderbaren und schmerzhaften zugleich - er tauchte ein in das Reich eines B-Moll-Akkords, das von Wehmut beherrscht wurde." [aus: Flucht eines Toten von David Bielmann. Textrechte: WOA Verlag]

Ein klein wenig zum Inhalt: Albert Leblanc fristet ein tristes, farbloses Dasein. Von niemandem im Dorf  Rechthalten geschätzt, im besten Fall geduldet, aber in keinem Fall geliebt oder sich geliebt fühlend, geht er jeden Tag zur Arbeit. Kocht für die Menschen, die ihm nur Spott entgegenbringen., lebt für die wenigen Momente, in denen ihm die hübsche Kellnerin Mona zulächelt. Und für die Musik. Seine Musik. Bis er beschließt all dem ein Ende zu setzen. Und mit dem Ende beginnt Albert Leblancs Geschichte...

Rezension: Ein gesellschaftskritischer Roman? Ein Krimi? Ein Plädoyer für die Kraft der Musik? Eine Liebesgeschichte? Tatsächlich ist es David Bielmann gelungen, das beste aus all diesen Genres in seinen Roman einzubauen. Ein Roman, der nicht nur unterhält, sondern meiner Meinung nach, in seiner Entwicklung eine wichtige Botschaft vermittelt: Denn die Flucht des toten Albert wird immer mehr zu einer Flucht ins Leben..

Albert lernt man mit all seinen Ängsten, Sehnsüchten, Gedanken und Erinnerungen kennen. Wirkt er vorerst regelrecht depressiv, sozial isoliert, ängstlich und ein wenig unheimlich, so wächst der "tote" Albert einem zunehmend ans Herz. Neben Albert spielt definitiv die Musik die Hauptrolle in diesem Roman. Die überschaubare Anzahl an Nebenfiguren, die Albert an den verschiedenen Stationen seiner Reise begleiten, werden in ihren Eigenarten so beschrieben, dass man sich ein gutes Bild von ihnen machen kann, ohne sie aber wirklich intensiv kennen zu lernen.

Die Geschichte wirkt vorerst ungeheuer vorhersehbar. Als Leser wird man jedoch geschickt an der Nase herumgeführt, denn es  kommt nie zu dem erwarteten Ende und man wird ein ums andere Mal überrascht. Als Leser bekommt man immer wieder wunderbar versteckte Hinweise zur Vergangenheit Alberts, die nie aufgeschlüsselt werden und den Leser doch zum nach-, mit-, und weiterdenken anregen. Gerade die wunderbaren Details und Feinheiten haben "Flucht eines Toten" für mich zu einem ganz besonderen Buch gemacht.

Beispielsweise ist der Roman in zwei Bücher geteilt: 1) Tod eines Lebenden 2) Leben eines Toten. Eine ganz wunderbare Idee, sagt diese Zweiteilung doch schon allerhand über die Entwicklung der Handlung aus. Auch die Namen der Charaktere wurden mit viel Bedacht gewählt. So ist Alberts Nachname nicht ohne Grund "Leblanc" und sein Pflegevater erfährt ebenfalls mit seinem Namen "Bernhard Brüllhart" eine passende Beschreibung. Vollkommen fasziniert haben mich allerdings die Kapitelanfänge, die aus Akkorden bestehen und die Atmosphäre und Stimmung der einzelnen Kapitel bereits ein wenig vorwegnehmen und gleich zu Beginn die Neugierde wecken. Da ich selbst Gitarre spiele, habe ich mir also bei jedem Kapitelanfang meine Gitarre geschnappt und mich musikalisch eingestimmt. Zudem findet man im Fließtext  immer wieder Liedtexte von den Beatles, Jimi Hendrix und anderen, die wie für die jeweiligen Szenen geschrieben zu sein scheinen. Noch nie habe ich ein Buch gelesen in dem Worte und Musik sich so wunderbar ergänzten - wie Musik vermittelt Alberts Leben (Oder Sterben? Oder Tod-Sein?) auf einer weiteren Ebene - für mich eine absolut gelungene, originelle und in dieser Form unbekannte Umsetzungsform. Der einzige Makel: Manchmal hätte ich mir ein rasanteres Tempo, ein klein wenig mehr Spannung gewünscht.

Gestaltung: Auch das Cover stammt aus dem Hause Bielemann. Fabienne Bielmann, welche ein eigenes Graphik-Atelier (www.dimorph.ch) besitzt, ist es gelungen, die Stimmung des Romans ihres Mannes auf einzigartige Weise gestalterisch umzusetzen.

Soundtrack: Den eigentlichen Soundtrack zum Buch liefert das Buch selbst. Wie bereits erwähnt, verflicht der Autor gekonnt aus dem englischen übersetzte Songtexte in die Erzählung. Unter anderem: A Most Peculiar Man von Simon and Garfunkel, welches ich während des Lesens rauf und runter gehört habe.

Fazit: Ein wunderbar vielfältiger Roman, der nicht umsonst 2010 beim Literaturwettbewerb der Universität Freiburg den 1. Preis abgestaubt hat!

4 von 5 Gerrys!
Flucht eines Toten von David Bielmann WOA Verlag, 2011 Softcover mit Klappen, 256 Seiten ISBN: 978-3-9523657-2-4

Über den Autor 


David Bielmann wurde 1984 in Rechthalten [Rechthalten?! Ja genau! Rechthalten!] geboren. Tatsächlich hat er seinen Heimatort zum Schauplatz seines Romans gemacht. Er studierte Geschichte und Germanistik und unterrichtet nun in Freiburg.

Da ich ein furchtbar neugieriges Wesen bin und "Flucht eines Toten" geradezu dazu einlädt, sich den Autor als Musiker vorzustellen, habe ich noch ein klein wenig nachgehakt und David Bielmann einige Fragen über die Musik und das Schreiben gestellt.


Nana fragt: Spielst du selbst Gitarre?
Ja, ich spiele selber auch Gitarre. (Du auch, oder?) Die Akkordfolgen an den Kapitelanfängen stammen von mir, ich habe damit meistens versucht, die Geschehnisse im Buch akustisch zu untermalen.

Nana fragt: Welche Rolle spielt Musik in deinem Leben? 
Musik spielt sicher eine wichtige Rolle, neben dem Lesen und Schreiben höre und mache ich auch oft Musik oder besuche Konzerte.

Nana fragt: Welche Beziehung hast du zu den Schauplätzen deines Romans?
Rechthalten ist mein Heimatdorf, da bin ich aufgewachsen und da lebe ich immer noch. Das Tessin oder griechische Inseln bereise ich regelmässig und immer wieder sehr gerne. Die beiden Orte Ascona und Matala passten ausserdem gut in den zweiten Teil des Buches, da sie beide beliebte Ziele von Aussteigern und Lebenskünstlern waren: Ascona bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Matala dann in den 1960er-Jahren, in denen sich auch das Buch abspielt. Es sind jedenfalls zwei schöne Orte, die mich auch durch ihren geschichtlichen Hintergrund faszinieren.

Kommentare:

  1. Liebe Nana, du musst mir kurz helfen, weil du es sicherlich weiß - will/muss/soll ich das Buch lesen?
    Danke! :)

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    1. Hallo! :)

      Ich fand den Roman damals ganz außergewöhnlich - sowohl sprachlich, als auch, was seine Message betrifft. Er ist kein Pageturner, aber ein wundervolles Buch zum Langsam-Genießen. :)

      Liebste Grüße!
      Nana

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Ich freue mich immer über ein paar nette Zeilen. Tippselt mir doch was Flauschig-Fluffiges!